Biografie


BUTTER UND BETON

1976 als MONOKEL Blues Band gegründet, spielten sie sich schnell in die Herzen ostdeutscher Bluesfans, einer hartnäckigen und zähen Gemeinde, welche bei Open Air Festivals schon mal bis auf 20.000er Stärke wuchs. Der Slogan „Fünf nette, junge Herren, die 1a Kraftblues machen!“ war ein Garant für volle Häuser. Ende der siebziger Jahre zählten sie zu den angesagten Bands der DDR-Blues-Szene, sie hatten regelrecht Kultstatus. Wo sie ihren Rhythm & Blues losfetzten, erstand klein Woodstock auf (siehe „Bye Bye, Lübben City. Bluesfreaks, Tramps und Hippies in der DDR“, von M. Rauhut/T. Kochan, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2004).

Den Stil von MONOKEL prägten neben Bandvater und Bassist Jörg „Speiche“ Schütze sowie Frank „Gala“ Gahler als Sänger der Gründerjahre immer Gitarristen wie Peter Schneider, Micha Linke, Basti „Buzz Dee“ Baur, W. „Wille“ Borchert, Bernd „Kuhle“ Kühnert, die „graue Eminenz“ Gerd „Krampfi“ Pöppel und nicht zuletzt die Drummer „Lello“ und Bernd „Erny“ Damitz. Die prägnante, unverwechselbare Stimme von Blues-Sänger Bernd „Zuppe“ Buchholz machte in den 80ern Songs wie „Schwarze Marie“ und „Das Monster vom Schilkinsee“ zum Erlebnis und den Monokel-Klassiker „Bye Bye, Lübben City“ zur Hymne.

Der Name MONOKEL war Programm und Botschaft: „Wenigstens auf einem Auge sollte man durchsehen!“ MONOKEL reflektierte das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Ob Frauengefängnis, Studentenclub, Kneipensaal oder Open Air, als Tourband für Bluessänger Stefan Diestelmann oder gemeinsam mit Hans die Geige – die Band machte Bluesfans selbst im fernen Sibirien glücklich und wurde durch ihr Charisma zu einer der authentischsten und beliebtesten Bands des deutschen Ostens, eben MONOKEL.

Die legendäre MONOKEL BLUES BAND kehrte in neuer, hochkarätiger Besetzung zurück. Aus aktuellem Anlass (der Sound zum Buch „Bye bye, Lübben City“) war für 2004/05 die von den Fans sehnlichst erwartete Reunion der Besetzung der achtziger Jahre als All Star Band geplant. Leider gelang es nicht, alle der ehemals fünf netten Herren für diese einmalige Tour ins Boot zu holen.

Mit Heinz Glass und J. Bailey (D/USA) ist es Jörg „Speiche“ Schütze, dem Meister des East-Blues, jedoch gelungen, neben den Alt-Monokels „Zuppe“ Buchholz (voc/harm) und Drummer „Erny“ Damitz, zwei gute Freunde und brillante Gitarristen für die Band zu gewinnen und zu einem einzigartigen, hochexplosiven Destillat zu verschmelzen.

2006 musste Trommler „Erny“ aussteigen, und im Oktober des Jahres erlitt die Band einen schweren Verkehrsunfall. Ein herber Schnitt. Hinterm Schlagzeug sitzt nun Olli Becker (ehemals Jessica, Hansi Biebl Band, Renft), vorm Mikro trägt man die Haare kurz, und trotz Metall im Rücken wird auch am Bass Stehvermögen gezeigt. Der Schrecken sitzt immer noch tief, aber die Kraft und der Wille zum Weitermachen sind nie verloren gegangen oder wie „Zuppe“ sagen würde: „Musik ist Therapie!“ Siedend heißer, elektrischer Blues und der sumpfige Groove des amerikanischen Südens bestimmen den neuen Sound von Speiche`s MONOKEL BLUES BAND in dieser besonderen Konstellation.

Die Konzerte bieten Highlights und Klassiker aus alten Zeiten, Jugenderinnerungen und brandneues Material in einer energiegeladenen Fusion aus Butter & Beton. Erlebt eine unvergessliche Zeitreise!

Denise Schmidt, Bernd Damitz, Michael Rauhut

 

Linernotes zum 35. Geburtstag   > 35 Jahre Monokel / Speiche 65

DER ERSTE SCHREI

Die Musik habe ich nur noch dunkel im Ohr. Wahrscheinlich coverte die Band, die nach eigenem Bekunden den Blues mit dem Dampfhammer spielte, Canned Heat und die Allman Brothers und zog Szenehits wie „Das Lumpenlied“ oder „Bye bye, Lübben City“ aus den Saiten. Sägende Gitarren, ein Alphatier am Mikrofon, und Speiche riss den stoischen Bass. Mehr gibt die Erinnerung nicht her, das Tape ist gelöscht. Aber das Gefühl der Euphorie, das mich übermannte, werde ich nie vergessen. Damals, an jenem Sonntag im Jahr 1981. Monokel feierten ihren fünften Geburtstag – deftig, bierselig, laut. Weil ihnen die Hüter von Anstand und guter Sitte auf den Fersen waren, zogen sie sich in die dörfliche Diaspora zurück. Nach Werben, einer 1500-Seelen-Gemeinde, unweit von Cottbus. Die Legende besagt, dass sich in den rustikalen Dorfsaal, der mit polizeilichem Segen exakt 423 Personen fassen durfte, weit über tausend Freaks zwängten. Es war chaotisch und doch genial, der totale Kontrast zum Mief aus Schrankwand und sozialistischer Brigade. An diesem Tag wurde der Schalter umgelegt, bog meine Biografie in die entscheidende Richtung. Wer weiß, wie sich die Dinge sonst entwickelt hätte.

Monokel waren ein Fixstern für die Jeans-und-Parka-Fraktion, die Tramper, Langhaarigen, Unangepassten. Ihre Bühne besaß keinen Backstage-Bereich, man konnte mit ihnen am Tresen die Welt neu sortieren. Die Horizonte ähnelten sich, nur verfügten die Musiker über die magischen Medien einer zusammenschweißenden, tief unter die Haut gehenden Kommunikation. Wenn sie die Verstärker einschalteten, spürte das Publikum den Befreiungsschlag. Dann flossen Energieströme, die keiner messen konnte. Monokel-Konzerte waren mehr als die Summe aus Show, Sound und Rhythmus – sie waren ein Appell ans Leben. Klingt pathetisch, ist aber wahr. Ihre Songs waren rau und zärtlich zugleich, sie träumten vom Fliegen, sangen über zerschossene Lebern und zogen dem Spießer die Hosen runter. Manchmal torkelten wir die nächtliche Straße entlang und grölten: „Ich schrei, weil ich lebe!“ Besser konnte man es nicht in Worte fassen.

Als die Mauer fiel, brachen turbulente Zeiten an. Musiker kamen und gingen, es wurde um Geld und Namensrechte gestritten. Heute existieren zwei Versionen von Monokel, die jeweils auf ihre Art die Fahne hochhalten. Der Fan sieht den Split mit gemischten Gefühlen. Er geht zu beiden Bands und holt sich aus jeder Variante das Seine heraus, hat aber auch die Illusion der großen Familie begraben. Viele halten Speiche für die Inkarnation der Monokelschen Idee: ein Fels in der Brandung, stolz und doch weich, zu warmer Weisheit gereift; der schöne Mann, der auch mit 65 Jahren noch eine amtliche Matte trägt. Vielleicht sind das lediglich Projektionen. Doch glücklich, wer zu ihnen fähig ist. Denn wo andere nur graues Haar und feiste Gitarren erkennen, sieht er, der Eingeweihte, den Kern. Er ist in gewisser Weise privilegiert, weil mit dem Resonanzboden für einen Klangkosmos ausgestattet, der dem Rest verschlossen bleibt.

Am 27. Oktober 2011 baten Speiche, Zuppe & Co. zur doppelten Geburtstagsparty. Es war ein rauschendes Fest, mit vielen Gästen, Gänsehaut, einem guten Blick zurück – und nach vorn.

Michael Rauhut

 

2 Antworten auf Biografie

  1. Ich (“Cäsar” aus Frankfurt) und “Affe” waren beide die ersten Rowdys, die sich die Band geleistet hat. Dabei waren wir doch nur verrückte Fans, die jedes WE auf Tour wollten. Damals noch mit “Fürst” Janek, dann Schnippi hinter der Bude, Gala, Micha, Basti und Speiche. Schönes Geld gab es am WE, gleich direkt nach der Mugge. Jeder gab uns n’ 10′ner auf die Hand. Und eine Menge Spaß hatten wir. Jede Menge!

  2. Hallo Speichel & Co,
    gestern erlebte ich Euch LIve im Objekt 5 in Halle an der Saale
    bin immer noch sehr beeindruckt von dem Konzert.
    Heute sage ich mir , warum hab ich die Band früher nicht wahr
    genommen. Lag bestimmt daran das ihr Euch im Hallenser Raum
    rar gemacht hattet.
    Ich wünsch Euch noch sehr schöne Erlebnisse auf und auch hinter
    der Bühne. Danke Olli das ich mal an Dein Schlagzeug sitzen durfte.
    Gruß Frank
    P.S. Schickt mir ein schönes Bild von Euch mit Unterschrieften.

Hinterlasse eine Antwort